Das Visum laeuft in wenigen Tagen ab, die letzte Uebernachtzugfahrt mit der indischen Eisenbahn ist reserviert und der zweite Flug in eine neue Welt liegt bevor.
So wie wir am ersten Tag in Indien nicht sicher waren, ob das hier toll ist oder schei**, so wissen wir jetzt auch nicht, ob wir froh sein sollen oder traurig das Land bald verlassen zu muessen oder eben zu duerfen.
Diejenigen, die uns vorher gesagt haben, dass man Indien lieben oder hassen wird, hatten Unrecht! Fuer uns ist es die ganze Zeit eine Hassliebe oder ein Liebeshass gewesen und geblieben. Es hat nicht nur phasenweise gewechselt, sondern taeglich, stuendlich und von Moment zu Moment. Wie Wellen im Meer. Einmal im Januar haben wir ernsthaft ueberlegt unseren Wegflug eventuell vorzuverlegen.
Wir brauchen nicht mehr nach Indien gehen - kein Bock (zu krank, zu dreckig und kurzum zu anstrengend).
Gleichzeitig haben wir aber das seltsame Gefuehl, dass es doch nicht das letzte Mal war, dass wir dieses Land betreten haben - Mist.
6 Monate Indien neigen sich dem Ende zu. Lonely Planet und andere Pfade wurden schon lange verlassen, um eigene zu gehen. Ein staendiges Maeandrieren auf den verschiedenen Touristentracks gab uns zum Anlass dies schleunigst zu aendern. Und was geschah? Wir erkannten, dass man als Neuling (alles unter 5 Jahre Indienerfahrung) dort jeden Augenblick einen Goldenen Schuss erhaelt. Zu viel Input, keinen Freiraum um diese zu verarbeiten.
Wir verstanden den Sinn und die Bedeutung von TOURI Lokalen. Und wir begannen diese zu lieben, denn sie waren und sind ein Hort des Friedens, der Ruhe und der Klimaanlagen, wenn auch nur auf Zeit. Gestundeter Frieden, koennte man sagen.
Aber war Indien ein "Battlefield"?
Vielleicht, wenn man vom Schmutz ausgeht. Was wir gelernt haben, dass "Extrem"-Erkundung nicht immer sinnvoll ist. Sondern, dass alles wachsen sollte. So ist es aus heutigem Blickwinkel zu abgefahren, dass wir uns am zweiten Tag in Indien fuer einen BOLLYWOOD FILM engagieren liesen ...
Abgestumpft und sensitiv. Das sind wir geworden auf dieser Indienreise! Inder, die am Strassenrand neben dem Gemuesemarkt abka****. Heute kein Problem mehr. Einfach mitmachen. Am Boden sitzen und mit den Haenden essen, waehrend eine Frau mit einem Wischmob aus der Steinzeit die dreckigen Fliesen versucht zu wischen? No problem!
Was damals, in der ersten Nacht als Moloch und Slum erschien, ist heute eine Nebenstrasse eines Einkaufsviertels. Und dass junge Menschen auf der Strasse schlafen, ist doch voellig normal.
Zumindest in bestimmten Teilen in Indien.
Denn andererseits gibt es hier Menschen, die reicher sind und besser leben als die Mehrheit der Deutschen. Man sollte sich ins Gedaechtnis rufen, dass es in Indien mehr Millionaere gibt als Deutsche auf diesem Planeten. Wer hier wem spenden sollte, ist eindeutig und klar ersichtlich!
Unser Blog ist stark gepraegt durch unsere Ausbildung an der Uni. Wir wissen das und stehen dazu. Unser Indienblog verzichtet auf die uebliche Indiengefuehlsduselei, ueber das Tatschmahal und die Farbenpracht. Dies ist selbstverstaendlich, denn Indien ist im Gegensatz zu Deutschland nicht aus grauem Beton erschaffen ...
Was uns am Herzen liegt: Elemente der indischen Kultur freizulegen. Dies ist schwierig und deshalb soll sich jeder der Leser einen eigenen Eindruck verschaffen. Was uns deutlich wurde, ist, dass das, was Inder als indische Kultur bezeichnen, gleichzeitig die Entwicklungshemmung schlechthin ist.
Frei nach der Ferrero Roche Werbung (die weissen) sagen die Inder:
Veraenderung, die versuchte Gleichbehandlung oder andere Schlagworte des Westens existieren im kollektiven Bewusstsein der Inder nicht.
Die Zeit, die Arbeitsmoral, das Frauen- und Maennerbild, sowie gaengige gesellschaftliche Elemente werden vollstaendig anders perzipiert und gelebt.
So what?
Deswegen nach Indien zu gehen, was doch alles in Buechern geschrieben steht? Probieren geht ueber studieren!
Indien war fuer mich reisenswert, weil hier einerseits die Zeit anders gelebt werden kann und teilweise muss, sowie die Vielseitigkeit des menschlichen Lebens und weil es trotz all dem vorstehenden etwas aufweist, was wir im Westen so nicht besitzen:
die tagtaeglich gelebte, teilweise auch als "instant soup" bezeichnete Spiritualitaet. Indien weist, setzt man die Hindus mit Indern gleich (fatal und gefaehrlich!), so findet man eine Kultur, welche auf eine Jahrtausend alte schriftlich und muendlich tradierte Kultur zurueckgreifen kann, in welcher es sich um eine Sache dreht: DAS GUTE LEBEN.
Haben wir eigentilch schon die Story von unserer Ankunft in Mumbai am 2. November 2007 erzaehlt?
Nachts um 4 Uhr anderthalb Stunden lang durch die gruseligen Strassen von Mumbai, vorbei an Slums, ueberall liegen Menschen auf dem Gehsteig und ja, sie schlafen nur, ist ja warm draussen. Mit einem Taxi, das an einen ausrangierten Trabanten aus dem Ostdeutschland der siebziger Jahre erinnert, der Kofferraum war so klein (unter anderem wegen der Gasflasche fuer den Antrieb, die wir im Ruecken hatten und staendig rochen), dass er mit dem ersten Rucksack schon voll war, der zweite wurde draufgepackt und mit Schnueren am Auto befestigt. Der Fahrer sah aus wie aus einem Horrorfilm, das Gesicht mit weissen und braunen Flecken uebersaet, und verstand natuerlich kein Wort englisch. Und wo das Hotel ist, wusste er natuerlich auch nicht, aber das geben die ja vorher nie zu, Mumbai ist ohnehin so riesig. Das Hotel hatten wir von daheim reserviert, das war uebrigens der Kaufgrund fuer den Lonely Planet South India. Als wir im Touriviertel ankamen, das bei Nacht immer noch nicht besser aussah als die saemtlichen anderen Strassen, hat er angefangen rumzufragen, bis er schliesslich in einer kleinen dunklen Seitenstrasse anhielt und meint, dass wir da waeren. Ich hab so Angst gekriegt: die auf den Gehsteigen schlafenden Jungs wurden auf uns aufmerksam, umzingelten das Auto und versicherten, dass das Hotel da drueben waere. Da war aber kein Schild. Da war nur ein rabeenschwarzer Gang, am Ende eine Treppe nach oben, wieder schwarz. Das ist es nicht, haben wir gesagt, das kann es nicht sein! Taxifahrer und Strassenjungs waren sich aber einig. Nach 10 Minuten Nervenkitzel hat sich Hans-Joerg schliesslich in den dunklen Gang gewagt, ich bin ich Taxi geblieben (das schien besser als die Drecksstrasse)... und wir waren tatsaechlich da! Die haben sich einen abgelacht ueber uns und harmlos waren sie sowieso. Und dieselbe Drecksstrasse sah bei Tag schon ganz anders aus, eine belebte Seitengeschaeftsstrasse.
Ja, das war das erste und letzte Mal in Indien, dass ich mich wirklich unsicher gefuehlt habe - und das noch zu Unrecht (Ausnahmen sind die Monster-Moskitos von Gorai Beach und Kamikaze-Fahrer im gesamten Subkontinent).
Was der letzte Tag in Indien bringt, kommt an diese Stelle hier, wenn er mal vorueber ist. Vielleicht verbleiben ja noch ein paar Rupien fuer Internet im Flughafen.

